Skitouren im Eis von Island - Bergweh ®

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Olafsfjordur am Nordmeer Islands - Bergweh ® im April 2015

 

Bockelharte Abfahrten mit Meerblick

Der lockere Schnee auf Islands Bergen wurde vom Sturmtief Niklas weggefegt. Jedenfalls da, wo noch welcher lag. Danach hat der Regen die feste Schneedecke durchtränkt und die Berge über Nacht in Eis gelegt. Die Landschaft bildet ein kontrastreiches Mosaik zwischen lavaerstarrten, schwarzverkohlten Steinen und weißen Schneebändern, die zwischen braungedrücktem Gras und Kraut die Felsrinnen füllen, je höher desto mehr schließt sich die weiße Hülle.

 

Die Berge am Olafsfjordur im Norden der Insel ragen bis knapp über 1000 Meter hoch und stehen einsam da. Am Gipfel senkt sich der Blick zu den eingeschnittenen Fjorden bis hin zum weiten Nordmeer, auf die umragenden Gipfel und in die isländische Weite. Ohne Stille. Der Wind pfeift uns fast an jedem Tourentag um die Ohren. Beim Aufstieg krallen sich die Harscheisen knirschend in den eisigen Grund und rasseln bei jedem Schritt. Eiskörner peitschen durch die Luft und an einem der Tage zwingt uns der Wind sogar auf halber Höhe abzubrechen. Wer hier stürzt, findet in den steilen und glattpolierten Flanken wenig Halt. Trotzdem will unsere Frauengruppe mitnehmen, was geht. Und mit unserem Bergführer Hansi geht einiges. Er hat ein untrügliches Gespür für das Gelände und die Möglichkeiten. Einmal müssen wir kurz vor dem Gipfel umdrehen, weil die eisige und schattige Gipfelflanke für uns zu gefährlich wird. Mit der Hoffnung auf bessere Abfahrtsbedingungen auf der sonnenzugewandten Seite wollen wir noch nicht aufgeben und so findet Hansi einen Übergang über den Bergkamm über eine spektakuläre Wechte. Abenteuerlich. Oben zu stehen ist immer wieder erhebend. Einmal queren wir direkt auf der Gratkante entlang, rechts und links unter uns die Fjorde und vor uns der Gipfel umrahmt durch das Meer, das sich dahinter ausdehnt.

 

Das Meer schimmert dumpf im wolkenverhangenen Grau oder bleibt unsichtbar, weil der Nebel uns umhüllt. Aber das Wetter entwickelt sich. Mit jedem Tag wird der Himmel und damit auch das Wasser blauer und klarer. Die Berge heben sich in dem schnee- und dunkelgemusterten Mosaik aus dem Meer und verschmelzen durch den Blick in die Ferne in eine weißumhüllte ebenmäßige Kulisse. Unsere Abfahrtshänge neigen sich fast immer mit Blick zum Meer. Die Schwünge nach unten bringen uns dem Wasser wieder nah, bis wir unten fast auf Meeresspiegelniveau auf den letzten Schneeflecken zwischen dem Gras hindurch kurven. Nur unser Fotograf verbringt seine Tourentage immer wieder im selben Hang, um geeignetes Bildmaterial zusammenstellen zu können und macht nur eine Ausnahme, als er vom Helikopter aus Luftaufnahmen filmt. Dieser besondere Aufwand liefert dann auch entsprechenden Gesprächsstoff.

 

Jeder muss sich in dieser Woche irgendwie durchbeißen. Entweder mit zusätzlichen Höhenmetern, verursacht durch Sturz und Abrutschen; mit sich lösenden Eisbrocken, die in die Quere kommen, mit wunden Blasen oder mit der ungewohnten Steilheit. Oder mit einem angebrochenen Harscheisen, das gerade bis zum letzten Gipfel hält, bevor es sich komplett löst und über seine Spitzen und Kanten den Berg hinunterspringt. Und alle gleichermaßen mit den überwiegend buckelharten Abfahrten.

 

Auch die Bergschule, die sich dadurch auszeichnet, alles Widrige in weniger Widriges umzumünzen, muss gleich zu Beginn das Reiseprogramm umstricken, da das gesamte Gepäck von fünf Teilnehmern auf der Strecke geblieben ist. Das hieß, den nächsten Tag so zu nutzen, dass wir bei Ankunft der Nachmittagsmaschine das fehlende Gepäck am Flughafen einsammeln können. Das hieß, statt am nächsten Morgen erst Abends zu unserem Stützpunkt in Olafsfjordur fahren zu können. Und weil das Hotel in der Altstadt von Reykjavic zu wünschen übrig ließ, hieß es kurz nach dem Einchecken wieder auschecken und in ein anderes Hotel umsiedeln. Außerdem hatten wir Sturm, Regen und hier im Süden der Insel so gut wie keinen Schnee.

 

So beginnt unsere Skitourenwoche in Island. Widrig? Ja und doch wieder nein. „Das kriegen wir hin“ lässt keine Zweifel zu, wenngleich sich die Frage nach dem „wie?“ aufdrängt. Allein die Zuversicht lässt alles gut werden.

 

Der Zauber Island wird ein ganz besonders funkelndes Juwel in meiner Erinnerungskette bilden. Er setzt sich zusammen aus den vielen kleinen Facetten in Form von vorbeiziehenden Bildern, die ihn einzigartig werden lässt: Der kurze Streifzug durch Reykjavic, der Geysir „Strokkur“, der sich mit einer gewaltigen Fontäne über mich ergießt und nur wenige Kilometer weiter der Gullfoss, der goldene Wasserfall, er gehört zu den größten Europas. Die gedrungenen Islandponys, die um einsame Gehöfte weiden, manchmal ein kleines Kirchlein dabei. Wasser in allen Farben und Schattierungen, die baumlose Landschaft und die Orte, die sich meist eingeschossig in den Flächen dehnen oder verlieren.

 

Und an unserem festen Standort genießen wir fast täglich fangfrischen Fisch von den Fischern aus Olafsfjordur. Wir tauchen ein im heißsprudelnden Jacuzzi auf der Terrasse unserer rustikalen Blockhütte, in der letzten Nacht sogar mit den mystisch wabernden Nordlichtvorhängen im sternenklaren Himmel. Der See davor zeigt uns mit seiner sich immer wieder ändernden Oberfläche die Wetterverhältnisse an. Gekraust oder mit Schaumkronen auf den sich brechenden  Wellen oder Blumenornamente auf der glasigen Eisschicht und zuletzt spiegelglatt an dem letzten herrlich windstillen und klaren Sonnentag, in dem sich der gerade erlebte Gipfel direkt zu meinen Füßen noch einmal abbildet. Es war einmalig, hier gewesen zu sein.

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© Barbara Esser im April 2015


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