EinBlick auf die Eiszeit

Bergweh, Schreckhornhütte, Berner Alpen, Grindelwald, Wanderung
Größenverhältnis Mensch - Eis

Hüttentour Schreckhornhütte von Montag, 21. auf Dienstag, 22. Sepember 2020

Eine Sternschnuppe zischt still über das Firmament. Und dann noch eine. Und dann keine mehr, auch wenn ich meine Augen noch so anstrenge. Zwei Wünsche sind mir also gewährt in den Grindelwalder Bergen, die sich schon am ersten Abend ein bisschen wie Heimat anfühlen.

 

Die Sommerbergsaison neigt sich dem Ende und die Wetterprognosen sind nicht gut. Deswegen kosten Wolfgang und ich jede geschenkte Sonnenstunde aus und wandern über Stock und Stein, bergauf, bergab. Die Berge rund um die Eigernordwand sind fordernd und die ausgewählten Touren steil. Jeden Tag aufs Neue kündigt Meteo Schweiz an, dass die Föhnlage morgen zusammenbricht und irrt sich jeden Tag aufs Neue. Kein Wetterbericht der Welt hat bei den instabilen Fronten eine Chance. Und wir freuen uns an dem unersättlichen Bergpanorama.

 

Wir melden uns für eine Übernachtung auf der Schreckhornhütte an und starten gemütlich. Es geht diesmal nicht um die Eisriesen im Berner Oberland; auch nicht um irgendeinen kräftezehrenden Gipfel, also die Tageshochtour, die schon in der Nacht mit Stirnlampe beginnen würde; es geht um eine Liga darunter, nicht nur was die Höhe anbelangt.

 

Und doch geht es um Eisriesen, genauer gesagt einem Riesen aus Eis. Ich meine das Eis, das in einer uns entrückten Zeit alles beherrschte. Eis, das zwischen aufgefalteter Erdmasse emporgewachsen ist, die Schluchten gefüllt hat bis zu einem alles überdeckenden Eisschild, das alles unter sich gefror. Eis, aus dem vielleicht nur die höchsten Felszacken heraus ragten und das seine gefrorenen Flüsse wie die Krake ihre Tentakel in alle Richtungen ausgebreitet hatte und das erst dort zum Stillstand kam, wo die steilen Hänge in flacher geneigte Almböden oder Wälder übergingen. Zwei davon reichten vor noch nicht allzu langer Zeit bis an Grindelwald heran, der Obere und der Untere Grindelwaldgletscher.

 

Wer heute nach Grindelwald kommt, stellt fest, dass davon hier unten nichts mehr übrig ist. Die beiden Gletscherzungen haben sich unserem Blick entzogen. Auch die Holztreppe zum Oberen-Gletscher-Blick mit ihren 900 Stufen näher zum Gletscher wurde inzwischen aufgegeben, das Eis hat sich weiter zurückgezogen, ist dahingeschmolzen. Dafür schießt das Wasser jetzt durch die Untere Gletscherschlucht durch imposante Felsformationen hindurch.

 

Hier können wir unsere Wanderung beginnen lassen. Eine Wanderung, die sich in mehreren Etappen zu einer langen Gebirgstour ausweiten lässt und die sich durch die sich ständig wechselnden Wow-Momente nicht überbieten lässt, zumindest für mich. Sie scheint mir einmalig, weil der Weg uns in wenigen Stunden aus dem multikulturellen Grindelwald in die Eiszeit einer anderen Welt bringt. Einer Wildheit, die ich sonst nur ganz oben in unseren Alpen oder in fernen Eiswelten erlebt habe. Also starten wir entweder unten in Grindelwald und stimmen uns auf das tosende Naturschauspiel durch die Gletscherschlucht ein oder wir lassen uns mit der Pfingsteggbahn und ohne Gletscherschlucht der alpinen Welt etwas näherbringen.

 

Bis zum Berghaus Bäregg führt uns der ansteigende Weg hinein in die Eiswelt, der Blick zurück erdet uns noch immer mit Grindelwald. Der felsige Steig im Wald geht in blumige Wiesen über, begleitet vom ewigen Wasserrauschen. Die mehr und mehr vom Eis befreiten Felsen erzählen uns von den Kräften, die sich hier gemessen haben, als das Eis noch die Steine im Griff hatte.

 

Schon während des Aufstiegs ziehen uns die Ostflanken des Eigers in ihren Bann, aus denen die Wasserrinnen endlos rauschen, manche stäuben auch in feinen Tropfen im freien Fall, geschmolzen aus dem Eis, das es weiter oben noch gibt. Wir sind jetzt auf 1775 Metern am Berghaus Bäregg angelangt, welches hier hundert Meter oberhalb der aufgegebenen Stiereggalpe neu, modern und hell daherkommt. Wow. Schon wieder übermannt mich heute dieses starke Ehrfurchtsgefühl gegenüber den Wänden, dem Eis und dem Wasser. Die Naturbühne präsentiert ihr wechselhaftes Spiel von glitzernden Eisflächen, tosenden Schneebrettern und Wolkenbildern, in dem der Paragleiter zum schmückenden Beiwerk wird. Der Logenplatz auf der Terrasse lässt uns die allmächtige Naturgewalt aus sicherem Abstand fühlen.

 

Nach der kleinen Pause wird der Steig wilder. Murmeltierpfeifen zur Linken und zur Rechten ragen die Felswände des Fiescherhorns steil auf, die erst weiter oben in der Lage sind, das Eis auf sich zu tragen. Noch sind wir dem Eis fern, getrennt durch die weiße Lütschine, die die ganzen Wasserströme der abschmelzenden Bäche aufnimmt und sich unter uns in einem flachen Tal mehrere Wege sucht, sich im milchig grünen Gletschersee sammelt, bevor sie talwärts in die Gletscherschlucht stürzt. Ein Murenabgang, der im Juli eine Schneise geschlagen hat, zwingt uns zu einem steilen Abstieg, der uns dieser Talsohle nahebringt, bevor sich der Steig wieder auf eine markante Felsnase hochwindet, dem Bänisegg. Wow. An jedem Aussichtsplatz finden sich wie zufällig Raststeine, die zum Innehalten auffordern.

 

Nach dem Felsvorsprung verschwindet auch das Bäregghaus endgültig aus unserem Sichtkreis. Der Blick heftet sich auf die Seitenmoränen, die noch bezeugen wieviel breiter und höher das Eis hier einmal stand. Zunächst schlängelt sich der schmale Weg durch die Wiese aufwärts geradewegs auf den Gletscherstrom zu, den wir seit dem Bänisegg im Blick haben und der sich also bis hierher zurückgezogen hat. Wir haben einen der Tentakel des ewigen Eises erreicht und staunen über den hier oben trotzdem immer noch gewaltig anmutenden Arm. Der Gletscher schiebt sich von oben herab über eine breite Geländestufe, die Rots Gufer heißt, an der alles bricht und sich nach unten immer weiter verjüngt, bis zum Gletschermaul, das bereits unter uns liegt. Der Weg führt linker Hand des Eises empor über den steinigen Grund, der sich sichtbar immer schneller aus seiner Umklammerung befreit.

 

Am Fuße des roten Gufers warnt uns eine Tafel über die alpinen Gefahren, die uns ab hier erwarten. Wir befestigen unsere Wanderstöcke am Rucksack, überwinden ein paar Metallleitern und nutzen gerne die Eisenketten im weiteren Verlauf. Der Fels wird immer luftiger, die Abgründe steiler, die glatten Steine rutschiger. Zum Glück bleibt es trocken, denn Nässe würde den Steig ungleich gefährlicher machen. Hoffentlich hält die Föhnlage noch bis morgen an, wenn wir hier wieder absteigen wollen!

 

Wir werden umfangen von der Kälte, die das Eis rechts neben uns abstrahlt und sind ehrfürchtig gebannt von der Kulisse um uns, besonders der zum Greifen nahen Gletscherzunge, die hier oben nicht mehr Unterer Grindelwaldgletscher heißt, sondern Undres Ischmer, was Unteres Eismeer bedeutet. Von hier aus können wir sehen, wie der Tentakel nicht nur entzweit wurde, sondern der untere Teil, also der Untere Gletscher inzwischen abgestorben ist. Zurückgeblieben sind noch grüne Schmelzseen neben dem Fluss, der aus dem Gletschermaul unter uns quillt.

 

Trotzdem hat die Natur hier eine einmalige Gebirgslandschaft modelliert. Es ist ein Kräftemessen zwischen Stein und Eis, von Wind und Sonne. Das Gewicht der Eismassen hat die Felsen rundgeschmirgelt und den Stein zu Gletschersand gemahlen. Da, wo der Fels wiederum den spröden Eismassen trotzen konnte, hat das sich verengende Felsenbett den Eisfluss bersten lassen. Hier klaffen Spalten auf, hier wurde das Eis zerrissen, zu Türmen aufgeschoben oder einfach abgebrochen. So wie umgekehrt das Eis den porösen Stein durch Hitze und Kälte wiederum auseinandersprengte und ganze Felsstürze inszenierte. Die Anstrengung wird belohnt. Wow. Jetzt sind wir dem Gletscher nah wie nie und halten inne. Ein Kraftort.

 

Ein Schild sagt uns noch 40 Minuten. Wir lösen uns von dem Einblick auf die Eiszeit und sehen nach den letzten anstrengenden Höhenmetern endlich die Schreckhornhütte über uns stehen, zu der uns die Schweizer Fahne schon lange gewiesen hat. Sie schmiegt sich in einer Höhe von 2530 Metern eng an die Felsen des Schreckhorns und blickt von dort aus auf das unter ihr strömende Eismeer. Auch die Gipfel sind eisgekleidet und lassen ihre Schleppen, eingesäumt von Moränenschutt, zusammenfließen. Sie vereinigen sich im Oberen Ischmeer zu einem ansehnlichen Schild, dessen geballte Masse an der Gufer-Kante auseinandergerissen, zerkleinert und von der Sonne verflüssigt, alle Macht genommen ist. Das Eis hat hier das Kräftemessen auf breiter Front schon verloren. Nur der Tentakel, gefroren in einem Felseinschnitt, trotzt mit kühler Schönheit noch seinem Schicksal.

 

Urban hat heute noch viel Platz in der Hütte für seine 4 Gäste. Zwei sind schon jeweils separat einquartiert und wir beide bekommen, coronabedingt, einen weiteren Schlafraum für uns alleine. Wir verlieren uns nur deswegen nicht darin, weil die Kojen immer in Zweiernischen abgeteilt wurden. Hier ist es heimelig, es gibt für die von uns mitgebrachten Hüttenschlafsäcke überzogene Bettdecken, maßlose Ruhe, Auszeit in die Eiszeit und eine ganz besondere Überraschung. Wolfgang oder ich, je nachdem, in welcher Reihenfolge Urban uns ins Hüttenbuch eingetragen hat, also einer von uns beiden ist der 1574ste Übernachtungsgast in dieser Saison. Damit ist ein neuer Rekord erreicht, denn die letzte Saison schloss mit 1573 Gästen ab. Dafür hat Urban jedem ein Glas Weißwein gerichtet und Fingerfood gereicht. So ein Fest will gefeiert werden. Noch nie sind wir zum Ehrengast ernannt oder als Rekordbesucher begrüßt oder als Gewinnspiel-Gewinner gezogen worden und hier abseits von allem werden wir geehrt, dafür das wir hier oben sind. Ich bin wortlos gerührt.

 

Die Dämmerung hat den Tag bereits verdrängt, als sich lautlos etwas verändert. Nicht in der Stube, in der gerade das Abendessen serviert wird. Immer wieder schweift mein Blick zum Fenster hinaus und nur deswegen nehme ich sie wahr, die Einheimischen, die hier zurückgezogen in den Felsen leben. Eine Begegnung mit ihnen habe ich mir so sehr gewünscht, auch wegen ihnen bin ich hier hochgestiegen. Es braucht gar nicht mehr den Wink von Urban, der sie auch schon bemerkt hat: Eine junge Steinbockfamilie pirscht sich verhalten an den Salzstein vor der Hütte. Auch ich schleiche mich im Windschutz der Hütte näher und bleibe wenigstens kurze Zeit unbemerkt, es reicht gerade für eine handvoll Fotos in mäßigem Licht. Sie sind sehr scheu, blicken immer wieder um sich, getrauen sich kaum zu lecken, wittern Gefahr. Nur die Jungen hüpfen unbedarft, bis die Eltern aufgescheucht davonspringen. Sie kommen erst im Schutz der Dunkelheit wieder, zusammen mit den alten Steinböcken der Steinbockkolonie, die in den Felsen oberhalb zuhause ist.

 

Was soll ich noch sagen? Ich denke an die zwei Sternschnuppen, die meine Wünsche haben wahr werden lassen:) Dass die instabile Föhnwetterlage hält und dass mein Aufstieg zu den Steinböcken belohnt wird.

© Barbara Esser im September 2020

 

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