Bergweh® - Gewitter auf dem Adlerweg

Buch Bergweh, Leseprobe, Streckenwanderung Adlerweg, Ötztaler Alpen, Österreich, Berge

Bergweh® - Von der Faszination der Alpen - Leseprobe

Der Erlebnisbericht geht auf viele Themen ein, die den Bergwanderer für seine Überlegungen interessieren. Das Gewitter ist besonders in den Bergen eine große Gefahr. Es gibt kein Entrinnen.

 

Streckenwanderung Geigenkamm - Adlerweg (Ötztaler Alpen, Österreich)

… Die Beschreibung zu diesem Streckenabschnitt ist hier ausgelassen ...

Der erste Teil des Pfades von der Breslauer Hütte her gesehen ist heute nicht stark begangen und lädt immer wieder ein zum Rasten, entweder an kleinen Bergseen, auf exponierten Felsen oder an Gischt spritzendem Wasser. Die Lichtspielereien der anfangs noch unauffällig hereinschiebenden Wolken werden von der sich immer mehr zur dunklen Wand zusammenwachsenden Front überschattet. Der grau gewordene Himmel verdichtet sich immer intensiver und schneller zum bedrohlichen Schwarz. Eine düstere Ahnung steigt in uns auf. Wir beschleunigen die Schritte und halten dabei Ausschau nach einem großen, vielleicht überhängenden Stein, den es weit und breit nicht gibt. Der erdige Pfad teilt die Böschung in eine aufsteigende und absteigende Almwiese. Vielleicht tut sich hinter der nächsten Biegung etwas auf? Immerhin wird das eher lieblich abfallende Wiesenbild hinter dem Knick von schroffer Felslandschaft abgelöst. Erste dicke Tropfen fallen und besprenkeln die Steine unter uns mit noch unregelmäßigen nassen Tupfen. Bereits in großer Sorge folgen wir dem Pfad, der sich jetzt stetig ansteigend zu einem weiten Bogen entlang des sich vor uns ausbreitenden Felskessels spannt.

 

Das Donnergrollen in der Ferne ist nicht mehr zu überhören. Die Gedanken kreisen um die Gefahren bei Gewitter. Eine der größten ist, dass man dem Unwetter ohne Schutz ausgeliefert ist. Den einzigen Schutz der sich uns bietet, ist die Gewissheit, dass wir weit unterhalb der exponierten Gipfel laufen. Normalerweise sucht sich der Blitz den kürzesten Weg. Eine Garantie dafür gibt es aber nicht. Wenn der Blitz die Erdoberfläche getroffen hat, ist die Gefahr nicht gebannt. Er entlädt sich über die Erdströme, die noch einige hundert Meter vom Einschlagsort entfernt gefährlich sein können. Deswegen beruhigen uns die Bergflanken mit ihren Felswänden, die hoch in das unheilbringende Schwarz ragen, nicht wirklich.

 

Wir zählen die Sekunden, die zwischen Blitz und dem nachfolgenden Donner liegen. Die Zeitspanne, die zwischen dem wahrgenommenen Lichtstrahl und dem gehörten Donner liegt, ist ein Maß für die Entfernung des Gewitters zum eigenen Standort. Das liegt daran, dass sich die Schallwellen mit einer Geschwindigkeit von dreihundertvierzig Metern pro Sekunde deutlich langsamer ausbreiten als das Licht. Es gibt verschiedene Methoden, zu ermitteln, wie nah das Gewitter ist. Bei der einfachsten Faustregel teilt man die gezählten Sekunden durch drei. Das heißt zum Beispiel, wenn die Differenz drei Sekunden beträgt, ist das Gewitter circa einen Kilometer entfernt. Das Ergebnis ist zwar nicht ganz so präzise, wie die mathematische Lösung. Sie hilft aber am meisten, wenn man vom Gewitter überrascht wird und die Gefahr abschätzen möchte.

 

Wir zählen also die Sekunden zwischen dem zuckenden Strahl und dem Grollen und stellen fest, dass die unheilbringende Front viel zu schnell näher kommt, um noch viel Handlungsspielraum zu haben.


… (ein Absatz ausgelassen)

 

Drei Sekunden. Inzwischen handelt es sich nicht mehr um Vorboten, sondern um ein handfestes Unwetter, das sich von hinten her kommend bereits austobt. Es bleibt nur noch die bange Frage, ob es direkt über uns hinwegziehen oder uns vielleicht nur streifen wird? Die Gefahr ist bedrohlich ernst geworden. Spätestens jetzt heißt es zu handeln. Ein Stück weiter oben gehen die geschotterten Hänge in zerklüftete Felsen über, die für uns in dem weglosen Geröll auf die Schnelle nicht zu erreichen sind. Der steinige Wegabschnitt ist durchsetzt mit mehr oder minder großen Felsbrocken und dem bereits viel zitierten Blockgestein.

 

Zwei Sekunden. Das Gewitter ist jetzt ganz nah. Der Regen prasselt bereits gnadenlos auf uns nieder. Schnell werfen wir die Stöcke sowie unsere Rucksäcke, in denen unsere Steigeisen und Pickel verstaut sind, an einem der Felsen ab und rennen weg von dem Fels, damit wir Abstand zwischen dem Metall und uns gewinnen. Die Blitze zucken grell durch den schwarzen Himmel und lassen den Donner unmittelbar folgen. Wolfgang hält auf einen Stein zu, der uns immerhin um einige Meter überragt. Tief in der Hocke lehnen wir mit dem Rücken zur Wand und halten die Beine so eng wie möglich zusammen, um dem Blitz den minimalsten Widerstand entgegenzusetzen. Mein Regencape hält dem Regen noch stand. Wolfgang hat zu lange gewartet und dann keine Zeit mehr gehabt, seines aus dem Rucksack zu kramen.

 

Eine Sekunde. Das heißt das Gewitter ist jetzt circa dreihundertvierzig Meter von uns entfernt. Ich habe keine Angst. Es beschäftigt mich nur die Frage, was wir hätten besser machen können, aber es fällt mir nichts ein. Wie ich so darüber grüble, fällt mir doch etwas ein. Vielleicht hätten wir nicht zusammenbleiben sollen, damit das Risiko, dass beide vom Blitz getroffen werden, etwas kleiner wird.

… wie es weitergeht lässt sich in dem Buch nachlesen.

© Barbara Esser


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